Beitrag zum Jahr der Demokratie Krems von Mag. Peter Molnar, Bürgermeister der Stadt Krems.
AI kann für viele Anwendungen ein unglaublicher Segen sein. Wenn zB humanoide Roboter Wohnungen sauber halten, Geschirr abwaschen und Kranke pflegen und umsorgen und zugleich intelligente Gespräche über Urknall, Universum und „Schwarze Löcher“ geführt werden können.
Oder auch über Lieblingsfilme, Lieblingsbücher oder man von der KI sogar imaginär an Sehnsuchtsort geführt werden kann, die man selbst nie, oder allenfalls viel zu kurz, besucht hat. Wenn man mehr über das Leben (und Leiden!) von Beethoven, Mozart oder Schiele erfahren kann, inklusive Hintergründe und Aufbau jedes einzelnen Kunstwerkes.
Extrem leistungsfähig, schnell und unkompliziert! KI wird in Zukunft Filme, Musikstücke, Welten und Bilder erschaffen, wunderschön, perfekt und makellos – aber auch die Geschichte manipulieren, Ereignisse ausklammern, Wahrheiten verbergen – und Lügen erzählen.
Wer kann/soll das alles kontrollieren, welche Informationen werden schon jetzt von Algorithmen im Hintergrund herausgefiltert, welche Ereignisse oder Ergebnisse manipuliert, welche Lebensgeschichten behübscht oder ignoriert und welche Taten und Werke überhöht, erfunden oder einfach komplett falsch dargestellt. Wer schreibt die Matrix und wo werden die Löcher sein, wo „normale“ und reale Menschen sich dann noch kritisch und vielleicht auch skeptisch über Erinnerungen und Entwicklungen austauschen können?
Ich glaube an unsere Jugend und an die Zukunft, aber die Menschen werden immer willfähriger, immer leichter manipulierbarer und wenn ich auch als 4-facher Vater grundsätzlich optimistisch in die Zukunft blicke und der neuen Generation eine lebenswerte Umwelt hinterlassen will – ist die Realität eine andere.
Ich wurde 1968 bei 280 ppm geboren, jetzt liegen wir schon bei 420 ppm (parts per million) an Treibhausgasen in der Atmosphäre – dh der Klimawandel kann uns aber vor allem der uns folgenden Generation, meinen Kindern, eine dystopische Zukunft[1] bescheren – wie kann die heutige Jugend und die jungen Erwachsenen gegen die Übermächtigkeit der neuen Bilder und Welten ANKÄMPFEN – ja, ich muss diesen Begriff verwenden, denn „Wissen ist Macht und Unwissenheit ist Schicksal“.
Selbstlernende Systeme, bewaffnete Drohnenschwärme und Kampfroboter werden heute als „neue Wunderwaffen“ gepriesen und sind es wahrscheinlich auch – aber besteht nicht die Gefahr, dass dabei die letzte auf der Erde überlebende Menschenart, Homo sapiens, der „vernunftbegabte“ Mensch, wir selbst, nach rd 50.000 Jahren Kulturentwicklung von der Fanny von Stratzing und Venus von Willendorf zu KI generierten Realitäten und Wirklichkeiten immer mehr degeneriert werden.
Wo und wie sind unsere „Zufluchtsorte“ in der Zukunft! Schon jetzt muss man, um die USA besuchen zu „dürfen“, alle social media-Accounts, inklusive den Passwörtern anführen, sonst bekommt man keine Genehmigung, in die USA einzureisen.
Die Entscheidung von selbstfahrenden Autos, ob sie jetzt eine ältere Dame oder eine Frau mit Kinderwagen unweigerlich überfahren müssen, genau dieser Algorithmus, diese EINE Entscheidung befähigt die KI schlussendlich wieder über „wertloses“ oder vielleicht sogar „unwertes“ Leben zu entscheiden – dh in Zukunft wird die menschliche Gesellschaft nicht mehr gegen Armut, Hochmut, Hunger, Gier, Wollust, Zorn, Völlerei, Schwermut des Herzens, Gleichgültigkeit, Bedeutungslosigkeit, Selbstinszenierung, Krankheiten, Bettwanzen und „burn-outs“ kämpfen, sondern gegen selbstlernende Kampfroboter, automatisierte Drohnenschwärme und gefakten Wirklichkeiten.
Ich bin schon jetzt gespannt, mit welchen Waffen und Taktiken die Menschheit diesen Kampf führen wird – mit Steinen und Speeren? Pfeil und Bogen? Strategie, List und Wagemut wie Odysseus? oder – was zu befürchten ist, überhaupt nicht, da die neu erschaffenen Welten und Wirklichkeiten so übermächtig sein werden, dass sich ein ankämpfen für die meisten nicht mehr „lohnt“, da sie dabei (viel!) mehr zu verlieren haben, als zu gewinnen.
Genau deshalb ist jede Form von Bildung, Aus- und Weiterbildung, Diskussion mit Gleichgesinnten oder Andersdenkenden für die Schulung des menschlichen Geistes, der Ausbildung des Charakters, einer Diskussionskultur sowie der Wahrnehmung, was ist schon Fake und was ist noch Wirklichkeit, essentiell. Auch um zu erkennen, auf welchen Weg uns die neuen autokratischen Herrschaftssysteme von Trump, Putin, Xi, Erdogan, Orban und Milei führen und was wir (noch) dagegen tun können. Das System Orban ist schon wieder Geschichte, aber bei der Aufarbeitung erfährt man genau, wie schnell eine fuktionierende Demokratie in Autokratie überführt werden kann – und die Menschen dabei noch glauben, sie würden etwas „Besseres“ als davor bekommen.
Die erste und damit wichtigste Säule, die von Autokraten immer zuerst angegriffen wird, ist neben der judikativen, legislativen und exekutiven Gewalt vor allem die freie Presse, als 4. und wichtigste Säule einer funktionierenden Demokratie. Das Jahr der Demokratie in Krems soll ein Gegenpol, gegen die immer vehementer und stärker werdenden autokratischen Strukturen werden, die gesteuert über social media-Algorithmen die demokratischen Strukturen aushöhlen und Konflikte aufbauschen und verstärken.
Organisiert und finanziert wird das Jahr der Demokratie vom Verein „Demokratie bewegt“, medial unterstützt von der Stadt Krems und, was mir sehr wichtig ist, unter Einbindung des neu gegründeten „JugendForumKrems“, einen Zusammenschluss junger Erwachsener aus sowie allen interessierten Kremserinnen und Kremser.
Ich danke va Andreas Egger und seinen Weggefährten und Unterstützer:innen, dass sie diese Diskussionsforen in Krems von Oktober 2026 bis Juni 2027 ermöglichen…
Peter Molnar
Bürgermeister Stadt Krems an der Donau
[1] Eine Dystopie beschreibt eine fiktive, abschreckende Zukunftswelt, in der die Gesellschaftsordnung von Unterdrückung, Leid und oft totalitärer Kontrolle geprägt ist